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Renate von Babka und Marco Schröder (2009):
 
Das Peterswalder Barockkreuz
 
Als Kirchdorf im Dekanat Aussig am Rande des östlichen Erzgebirges liegend besaß Peterswald schon frühzeitig ein eigenes Gotteshaus. Wahrscheinlich hat man die erste Kirche nicht lange nach der Gründung des Ortes – die Ersterwähnung Peterswalds erfolgte 1352 – errichtet. Über diesen Bau und dessen Standort ist nichts bekannt. Mit großer Wahrscheinlichkeit befand sich die Kirche aber im Zentrum des Kolonistendorfes unweit des Richtergutes, wo auch die späteren Gotteshäuser ihren Standort erhielten. Wie den überlieferten Unterlagen zu entnehmen ist, scheint diese erste Kirche die Zeit der Hussitenkriege zwar unbeschadet überstanden zu haben, dennoch erfolgte gegen Ende des 15. Jahrhunderts – möglicherweise aus Gründen der Baufälligkeit – die Errichtung eines zweiten, in Holz ausgeführten Gotteshauses. Dieses wurde am 8. Oktober 1495 vom Meißner Weihbischof Johann von Salhausen eingeweiht und erfüllte seinen Zweck für die Dauer von fast 300 Jahren. In dieser Zeit diente die Kirche für einige Jahrzehnte der Ausübung des evangelisch-lutherischen Glaubens, da sich Peterswald und seine Einwohner ab 1578 zum Protestantismus bekannten. 1623/24 jedoch siegte auch in Peterswald die Gegenreformation und der Ort kehrte in der Folge zum Katholizismus zurück. Der protestantische Pfarrer wurde des Landes verwiesen und die Besitzer Peterswalds, die Herren von Sebottendorf auf Rottwerndorf und Schönwald, zwangen die Bevölkerung, dem evangelischen Glauben zu entsagen. Wer dem nicht nachkam, wurde ebenfalls vertrieben und sein Besitz fiel der Grundherrschaft anheim.

1657 ließen der nunmehrige Grundherr Peterswalds, Nikolaus Freiherr von Schönfeld, und seine Gemahlin Josina das inmitten des Friedhofs stehende gotische Gotteshaus, das im Zuge des Dreißigjährigen Krieges arg beschädigt worden ist, erneuern und stifteten ein aus drei Glocken bestehendes Geläut. Überlieferungen zufolge sollen sich an den beiden Längsseiten der Kirche jeweils vier hohe Fenster befunden haben. Da sich aber diese Kirche bald als zu klein erwies, erfolgte 1793 die Errichtung einer neuen, die dem heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron der Kaufleute, geweiht war. Seinen Standort erhielt dieses barocke Gotteshaus außerhalb des Kirchhofs in unmittelbarer Nähe des alten Richtergutes. In einer von Franz Umlauft verfassten Beschreibung der Peterswalder Kirche heißt es:

 In dem langgestreckten Gebäude, dessen Presbyterium in einer Rundung ausläuft, sind an den beiden Seiten des Chores Emporen angebracht. Das Dach war mit Schindeln gedeckt. Auf dem pyramidenförmigen Dache befand sich ein neun Schuh hohes Kreuz. Im Oberbau des ganz aus Stein gearbeiteten Hochaltars errichtete man beiderseits je zwei Säulen, dazwischen standen die Statuen des heiligen Petrus und Paulus. In der Mitte war das Bild des Kirchenpatrons St. Nikolaus, über diesem im zweiten Aufbau das Bild der Dreifaltigkeit. Ganz oben brachte man Statuen des heiligen Michael, der heiligen Barbara und der heiligen Katharina an. Der Tabernakel war ursprünglich auch aus Stein, wurde aber hundert Jahre später (1896) durch einen hölzernen ersetzt. Die Kanzel wurde von dem Aussiger Bildhauer Johann Schuster verfertigt und von Josef Kühnel aus Peterswald staffiert.
 
Wie den überlieferten Unterlagen zu entnehmen ist, wurde die von Johann Schuster erschaffene barocke Kanzel vom vermögenden Peterswalder Bauern Josef Beil (Nr. 192) gestiftet. Dieser hatte vermutlich am 21. November 1716 als Sohn des Bauern Georg Beil (1671-1719) in Nollendorf das Licht der Welt erblickt und heiratete 1750 die Peterswalderin Rosina Püschel (* 27.12.1721). Der im Trauregister befindliche Eintrag lautet:
 
 
Am 27.10.1750 ist der ehrbare Junggesell Joseph, Georg Beyl´s gewesener ehelicher Sohn mit Jungfer Rosina, des seel. Thomas Püschel eheliche Tochter copuliert worden. Zeugen: Christian Püschel, Brautführer, Christian Wolf, Brautwerber.
 
 
Wie viele Kinder Josef Beil, genannt Peilbauer, und Rosina im Laufe ihrer Ehe geboren worden, ist unbekannt. Überliefert ist lediglich die Existenz zweier Söhne: Hanß-Josef, getauft am 2. November 1752, und Hannß-Georg, getauft am 10. Oktober 1756. Dass ihr Vater Joseph 1793 mit seiner großzügigen Spende der hiesigen Kirchgemeinde zu ihrer Kanzel verhalf, mag auch vor dem Hintergrund der schon damals enormen Kosten für ein derartiges Kunstwerk besonders erscheinen, aber keineswegs stellte dies im 18. und 19. Jahrhundert ein Novum dar, denn immer wieder, so kann man der Pfarrchronik entnehmen, fühlten sich gottesfürchtige Peterswalder Einwohner verpflichtet, ihrer Kirche durch mildtätige Spenden Gutes zu tun und sich dadurch ewiges Seelenheil zu sichern. Allein bei der Übernahme der Kosten für die Kanzel ließ es der Bauer Josef Beil allerdings nicht bewenden.
Drei Jahre später, 1796, stiftete der inzwischen hochbetagte Greis ein barockes Gedenkkreuz, das an den Vorgängerbau der neuen Kirche St. Nikolaus erinnern sollte. Aufgestellt wurde das Monument inmitten des Friedhofs am ehemaligen Standort der alten Kirche. Der ausführende Bildhauer war mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls Johann Schuster aus Aussig. Sein in Sandstein gehauenes Meisterwerk des Spätbarocks zeigt den mit einem Strahlenkranz versehenen gekreuzigten Christus. Zu Füßen des Kreuzes kniet die weinende Maria Magdalena, die als bedeutendste Jüngerin Jesus‘ in die biblische Geschichte eingegangen ist und in der katholischen Kirche deshalb als apostola apostolorum – als Apostelin der Apostel – Verehrung findet. Nach dem Lukas- und Markusevangelium soll ihr Jesus sieben Dämonen ausgetrieben haben. Zum Dank schloss sie sich ihm an und sorgte für seinen Unterhalt und für den seiner Jünger. Maria Magdalena gehörte zu den wenigen Getreuen, die dem Heiland bei seiner Kreuzigung zur Seite standen, während die meisten seiner Gefolgsleute geflohen waren. Sie half auch bei der Beerdigung Christus‘ und entdeckte am Ostermorgen sein leeres Grab. In der Kunst und so auch von Johann Schuster wird sie stets mit den für sie typischen Attributen versehen. Dazu gehören die prächtige Kleidung, die sie als Heilige kenntlich macht, das lange, wallende Haar und schließlich die Salbenbüchse, in der sie Myrre und Aloe aufbewahrte, womit sie dem gekreuzigten Jesus die Füße salbte. Das runde Gefäß mit Deckel hat der Aussiger Bildhauer zur Rechten des Kreuzes positioniert.

Mit seiner großzügigen Stiftung hat sich Josef Beil über Generationen hinweg die außerordentliche Wertschätzung der Peterswalder erworben. Die in den Sockel des Kreuzes gehauene Inschrift lautet:

Dort lebt Christus zu seines Vaters Rechten.
Freut euch, ihr seine Lieblinge, ihr Gerechten.
Ihr aber, seine Feinde, bebt Heil uns, Alleluja,
unser Erlöser lebt!
 
Josef Beil starb um 1797 – wahrscheinlich in seinem Geburtsort Nollendorf. Seine Witwe Rosina folgte ihm nur wenig später, am 10. März 1799, im Alter von 78 Jahren in den Tod. Sie erlag einer Geschwulst. In ihrem Sterbeeintrag wird sie als Rosina, des + Josef Bail, Bauers – Stifter des steinernen Kreuzes auf dem Kirchhof und der Kanzel, hinterlassene Wittwe bezeichnet. Was im Zuge dieses Eintrags nicht erwähnt wird, ist, dass Josef Beil neben den beiden erwähnten Kunstwerken in Peterswald noch ein drittes Symbol seiner Religiosität und Spendenfreudigkeit hinterlassen hatte. Vor dem Bauernhaus Nr. 15 war  auf seine Initiative hin 1788 Eine Muttergottesstatue mit dem Jesuskinde auf dem Arme errichtet worden. Dieses 1845 renovierte und noch heute existente Standbild trägt die Inschrift:
 
Ach herzallerliebste Mutter mein, Dir lasse ich meine Seele befohlen sein, bitte für mich Jesu dein liebstes Kind, daß er mir verzeih die Sünd!
Vater unser - Ave Marie, den 16. November anno 1788.
 
Wie den Eintragungen in der Peterswalder Pfarrchronik zu entnehmen ist,  erfolgte im August 1876 eine Restaurierung des barocken Friedhofskreuzes, die sich auf einen Betrag  von 57 Mark österreichischer Währung belief und die der damalige Pfarrer Josef Hille aus Eigenem finanzierte. Als ausführender Steinmetz wird der in Teplitz ansässige Anton Bauer genannt. Offensichtlich waren die Arbeiten dringend notwendig gewesen, um den Fortbestand des Kunstwerkes zu garantieren, denn in einer ebenfalls in der Pfarrchronik enthaltenen Notiz heißt es:
 
Dieses Kreuz ist ein Meisterwerk und würde, wenn es neu hergestellt werden sollte, in itziger Zeit wenigstens 800 Öst. M. zu stehen kommen.
 
Nach der gewaltsamen Vertreibung der sudentendeutschen Bevölkerung in den Jahren 1945 und 1946 fand das von Josef Beil gestiftete Friedhofskreuz kaum mehr Beachtung. Jeglichen Witterungs- und Umwelteinflüssen ausgesetzt, bröckelte es über Jahrzehnte vor sich hin und der aus Metall gefertigte und vergoldete Strahlenkranz des gekreuzigten Christus wurde Opfer eines Diebstahls. Von diesem äußerst schadhaften Zustand wurde es erst im Jahre 2008 erlöst, nachdem eine  Spendensammlung die notwendigen finanziellen Mittel zur grundlegenden Restaurierung des Denkmals erschlossen hatte. Unter der Ägide der Ortsbetreuerin von Peterswald, Liane Jung, und den Nachfahren ehemaliger Peterswalder Einwohner, Renate von Babka geborene Beil und Rüdiger Waurig, wurden unter 25 ehemaligen Peterswaldern 8000 Euro gesammelt. Nachdem das vom Einsturz gefährdete Kunstwerk vom Bildhauer Michal Bílek und seinem Sohn Stepan auf dem Friedhof in der Jahresmitte 2007 unter größten Vorsichtsmaßnahmen demontiert, in seine Einzelteile zerlegt und unter Hochdruck gereinigt worden war, entstand es in Bíleks Peterswalder Atelier in neuer Schönheit. Zudem fertigte der in Karbitz ansässige Steinmetz  Lubos Mares eine  Gedenktafel aus Granit, die am Sockeldes Kreuzes befestigt wurde und die an die Wohltat des Josef Beil erinnert. Die in Blattgold ausgeführte Inschrift schließt mit den Worten Verständigung – Freundschaft – Frieden.
               Die Einweihung des restaurierten Barockkreuzes erfolgte am 31. Mail 2008 in Anwesenheit von etwa 150 ehemaligen Peterswaldern, die zum Teil aus Californien, Canada, Baden-Württemberg, Hessen und Hamburg angereist waren. Im Rahmen eines Festaktes, musikalisch umrahmt vom Markersbacher Männerchor und dem Peterswalder Kinderchor, dankten die Initiatoren den Spendern für ihre Unterstützung und dem Bildhauer Michal Bílek für seine künstlerisch gelungene Arbeit. Die Segnung des Kreuzes übernahm der Leitmeritzer Generalvikar Monsignore Karel Havelka. Der an der Veranstaltung ebenfalls teilnehmende stellvertretende Peterswalder Bürgermeister Walter Wolf hielt eine Rede, in der es unter anderem heißt:
 
Die Zeit zwischen den Jahren 1938-45 und die nachfolgende Zeit der Finsternis in unseren Beziehungen gehören nun mal zu unserer Geschichte, die sich leider nicht auslöschen lässt, und auch nicht vergessen werden kann und darf. Unsere Gegenwart und vor allem Zukunft in dem heute bereits gemeinsamen Europa muss aus der realen Jetztzeit ausgehen und falls sie von diesen und ähnlichen Projekten unterstützt wird, müssen wir uns – denke ich – um unser weiteres Nebeneinanderleben nicht sorgen.
 
Auch auf den Zustand der seit Jahrzehnten als Ruine stehenden Kirche St. Nikolaus nahm Wolf Bezug und versprach, alle erdenkliche Anstrengungen zu unternehmen, um diese […] wieder zu überdachen. Zurzeit arbeite man an der Erstellung der notwendigenBaudokumentation und ermittle mögliche Finanzquellen, sagte er.
Treffende Worte fand auch der ehemalige Nollendorfer Willibald Bail, der wenige Wochen vor der Einweihung verstorben war. In einem von Renate von Babka zitierten Brief schreibt er:
 
Die Jugend will Frieden und Versöhnung. Ihr fällt es leichter zu vergeben, weil sie Missetaten und Enteignung nicht erleben mußte. Es gibt so viele Tschechen, die uns die Hand zur Versöhnung, zum Frieden reichen wollen. Es wäre neues Unrecht, dieses Einsehen der Tschechen nicht annehmen zu wollen.
 
Gegen die von Willibald Bail geäußerte Ansicht hätte sicher auch Josef Beil, der Stifter des wundervollen Peterswalder Friedhofskreuzes, der im Zeitalter der Aufklärung lebte, nichts einzuwenden gehabt.
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