Der Empfang des sächsischen Königs Friedrich August I. in Peterswald am 6. Juni 1815
Nachdem Sachsens entscheidungsschwacher König Friedrich August I. (1763-1827) auf Grund seiner Loyalität zum korsischen Emporkömmling Napoleon nach dessen Niederlage in der Leipziger Völkerschlacht im Oktober 1813 von den Siegermächten zunächst in Berlin und später in Friedrichsfelde interniert worden war, musste er am 21. Mai 1815 im Rahmen des Wiener Kongresses eine Urkunde unterzeichnen, in der er den Verlust von zwei Fünfteln seines Territoriums an Preußen ratifizierte. Erst danach durfte er, des Erbes seiner Väter verlustig gemacht, in seine Stammlande zurückkehren. Die aus 26 Wagen bestehende Kolonne, die sich an diesem Tag um sechs Uhr am Morgen in Pressburg, wo Friedrich August und sein Hofstaat seit dem 23. Mai weilten, in Bewegung setzte, machte sich zunächst noch einmal auf den Weg nach Wien. Hier wurden der König, die Königin und beider Tochter zum letzten Mal von der kaiserlichen Familie empfangen, danach schlossen sich ihnen Prinz Anton und Prinzessin Maria Therese, Bruder und Schwägerin des Königs, an und gemeinsam begab man sich anschließend zum Abschiedsbesuch beim greisen Herzog Albert von Sachsen-Teschen, der im Palais Tarouca residierte und hier seiner Sammelleidenschaft nachging. Die Nacht verbrachte die königliche Familie im nahe gelegenen Hollabrunn, wo im dortigen Gasthof Quartier bezogen wurde. Am darauffolgenden Tag ging die Fahrt über Budisitz nach Iglau, am 2. Juni erreichte der Tross Czaslau und kam am 3. Juni in Prag an, wo sich Prinz Maximilian und fünf seiner Kinder, darunter der spätere König Johann, sowie die unverheiratete Schwester des Königs, die stets kränkelnde Prinzessin Maria Anna, aufhielten. Nach zweitägigem Aufenthalt in der Moldau-Stadt bestieg die gesamte zwölfköpfige königliche Familie am 6. Juni erneut ihre Karossen und fuhr nach Teplitz, wo die Nacht zugebracht wurde. Am folgenden hochherrlichen 7. Juni, so Johann Georg von Sachsen, hörten sie die Messe um ½6 Uhr und fuhren um 7 Uhr ab. Wenige Stunden später erreichte der Zug die sächsisch-böhmische Grenze, von wo aus der König, einem Triumphzug gleich, seinen Einzug in die vaterländischen Gauen und die harrende Residenz Dresden hielt. Es mutet fast wie ein Paradoxon an, dass sowohl im Urteil der Zeitgenossen als auch in dem nachfolgender Generationen der Heimkehr des von den politischen Wirrnissen geschlagenen und nicht zuletzt auf Grund persönlicher Unzulänglichkeiten von den europäischen Großmächten abgestraften Sachsenkönigs eine weitaus höhere Bedeutung zuerkannt wurde, als der Erhebung des Kurfürstentums zum Königreich im Dezember 1806. Ein Grund mag sein, dass die Verleihung der Königswürde ein von Napoleon die alte Rechtsstaatlichkeit ignorierender Akt war, der den Beginn einer Periode unvorstellbaren Leids markierte, wogegen die Heimkehr Friedrich Augusts nach 20-monatiger Gefangenschaft den Schlussstrich unter das Regime eines ungeliebten preußischen Generalgouvernements zog und eine Rückkehr zu (weitgehender) staatlicher Eigenverantwortlichkeit und monarchischer Unabhängigkeit darstellte, wobei keineswegs der Sympathiebonus des von den Zeitläufen überrollten Königshauses unterschätzt werden darf. Bei Schmidt heißt es in diesem Zusammenhang: Die lange Schande der Franzosenzeit war gesühnt durch alles das, was der König in seiner Kriegsgefangenschaft durchgemacht hatte. So erschien er dem Volke wie ein Märtyrer seiner Überzeugungen und seiner Gewissenhaftigkeit, gleich ehrwürdig durch sein Alter wie durch seine Schicksale. Ebenso bemerkenswert ist, dass der sächsische Grenzort Hellendorf am überwältigenden Empfang des heimkehrenden Königs maßgeblichen Anteil hatte, obwohl die Dorfbevölkerung auf Grund der unglücklichen Politik Friedrich Augusts zwischen 1809 und 1813 mehrmals von feindlichen Truppen heimgesucht wurde, Einquartierungen, Plünderungen und Brandschatzungen zu erleiden hatte und von August 1813 bis zum Frühjahr 1814 infolge kriegsbedingter Seuchen 71 Menschen, also zwei Fünftel der Einwohnerschaft, ihr Leben lassen mussten. Doch all dieses Leid schien vergessen, als in den Vormittagsstunden jenes denkwürdigen 7. Juni Se. Majestät der König von Sachsen, mit Höchstdero Frau Gemahlin und PrinzessinTochter, in Begleitung Ihrer Kaiserl. und Königl. Hoheiten, des Prinzen Anton und dessen Frau Gemahlin, des Prinzen Maximilian und dessen Familie und der Prinzessin Maria Anna, in Höchstihren Landen und namentlich auf Hellendorfer Flur anlangten. Kurz vor dem Erreichen der Grenze war die königliche Familie im böhmischen Peterswald von Amtmann Germann und […] Amtsinspector Hentzschel aus Pirna, den ehemaligen Mitgliedern des russischen Gouvernementsrates, dem Amtshauptmann und Majoratsherrn auf Liebstadt, Carl Adolf von Carlowitz, und dem das Amt des hiesigen Oberforstmeisters versehenden Julius Wilhelm von Oppell, sowie von einigen anderen zu diesem Amte und der Oberforstmeisterei Cunnersdorf gehörenden Personen in Empfang genommen worden. Bei dieser ersten Begrüßung des Königs und seiner Familie überreichten die beiden Töchter Julius Wilhelms von Oppell Königin Amalia Augusta und ihrer Tochter auf weiß atlaßnen Kissen mit Gold und einem Rautenkranze gestickt, ein Gedicht, das aus der Seele aller Sachsen sprach:
Sey uns gegrüßt auf Sachsens ersten Gauen!
Willkommen uns in Deinem Vaterhaus
Mit liebenden, mit herzlichem Vertrauen!
Versöhnt ist das Geschick, die Prüfung aus,
Du kehrst, o Vater, zu den Kindern wieder,
Und ihre Klagen werden Jubellieder.
Ja, König, Vater, sieh, auf allen Wegen
Eilt mit der Jugend frohbekränzten Schaar,
Der Greis selbst wonnezitternd Dir entgegen,
Der, ach, so lange unser Sehnen war!
So weit die Sterne unsre Flur bestrahlen,
Ist Feierschmuck auf Höhen und in Thalen.
O mög’ auch Dir des Wiedersehns Entzücken
Des Heimwegs Pfad mit goldnem Glanz bestreun,
Und dieser Tag, gemacht uns zu beglücken,
Ein Vaterfest auch Deinem Herzen seyn!
Der Kinder Lust sei Deines Auges Weide;
Er ist gerecht, der Ausdruck ihrer Freude.
Dein Scepter, seit er über uns geschwebet,
O war er nicht ein milder Hirtenstab?
Der selbst vom Sturm des Mißgeschickes umwebet,
Doch Ruh und Heil der bangen Herde gab?
Ergreif’ ihn muthig wieder! Deutsche Treue
Schwört heute ihm Dein frommes Volk aufs Neue.
Stetig, Opferduft vom Vaterlandsaltare
Empor zu dem, der Welt und Schickung lenkt!
Daß Trost für Leid dem Fürsten wiederfahre,
Den seine höchste Huld uns wieder schenkt!
Daß den Erhabnen für die Last der Krone
Amalia’s, Augusta’s Herz belohne!
Daß herrlicher der Ahnen Lieblingspflanze,
Die zu erbleichen schien vor unserm Blick,
Die Raute wieder grün’ in Seinem Kranze! –
Und kehrt er spät zum Himmel einst zurück,
Wo Ihn ein hell’res Diadem soll krönen,
Sein Geist noch ruh auf Sachsens Fürstensöhnen.
Nachdem auch die Bedienten der Oberforstmeisterei Cunnersdorf den Damen des Hauses Wettin ein Gedicht, das ihnen in tiefster Ehrfurcht gewidmet [war], überreicht hatten, machte sich die gesamte Gesellschaft auf den Weg in das nur wenige Kilometer entfernte Hellendorf. Auf dem hiesigen Dorfplatz unweit des uralten Erblehngerichts war eine vom späteren Besitzer des Gutes Friedrichsthal zu Berggießhübel, dem Hof- und Justizrat August Friedrich Wilhelm Freiherr von Leyßer, entworfene und von der Ritterschaft des sächsisch-meißnischen Kreises finanzierte Ehrenpforte nach antikem Vorbild errichtet worden. Diese war etwa zwölfeinhalb Meter hoch, knapp zwölf Meter breit und etwa vier Meter tief. Hinsichtlich ihrer künstlerischen Gestaltung heißt es bei Richter: Auf dem Schlußsteine des Bogens waren die Buchstaben F.A. und eine Krone darüber angebracht. Neben dem Bogen zeigten sich die Bilder-Blenden die Figuren der Liebe und Treue, und darüber in zwei Medaillons Genien, wovon der eine ein Füllhorn mit Früchten, der andere eine Korb mit Blumen besetzt hielt. Über dem Bogen befand sich die Inschrift:
Dem langersehnten Landesvater
Die treue Ritterschaft des Meissner Kreises.
Als Friedrich August und sein Gefolge den Dorfplatz erreichten, wurden sie bereits von 20 Mitgliedern der Meißner Ritterschaft, zahlreichen Militär-, Amts- und Zivilpersonen, die zum Teil aus Dresden angereist waren, sowie der Hellendorfer Einwohnerschaft erwartet. Beim Eintreffen der königlichen Kutsche ertönte Musik und die zu beiden Seiten des Zugangs zur Pforte postierten Abordnungen der Glashütter und Liebstädter Schützengesellschaften salutierten dem Landesherrn. Nachdem dieser mit gewohnter Herablassung dem Wagen entstiegen war, wurde er vom königlichen Kammerherrn Hans Georg von Carlowitz, dem späteren sächsischen Innenminister und Bruder der Liebstädter Schlossherrn, mit folgenden Worten in der Heimat willkommen geheißen: Ew. Königl. Majestät erlauben gnädigst, Allerhöchst-Denenselben die Empfindungen der tiefsten Verehrung und Freude über Ihren Eintritt in den Meißnischen Kreis, von Seiten der Stände aufs Lebhafteste auszudrücken. – Diesen Auftrag habe ich als ein alter treuer Diener Dero hohen Hauses um so lieber übernommen, als diese Gesinnungen mit den meinigen aufs lebhafteste übereinstimmen. Uns insgesamt empfehlen wir Ew. Königl. Majestät Huld und Gnade ehrfurchtsvoll. Danach stellte Graf Einsiedel dem König die Mitglieder der versammelten Meißner Ritterschaft vor, wobei sich Friedrich August mit jedem auf das Huldvollste unterhielt. Gleichzeitig konversierte die sonst eher etwas grämlich wirkende Amalia Augusta lebhaft mit den anwesenden Damen höheren Standes. Nach dieser ersten Bewillkommnung auf sächsischem Boden bestiegen die königlichen Hoheiten unter Freudenrufen und Musikklängen erneut ihre Kutschen und fuhren über Gottleuba nach Berggießhübel, wobei ihnen der Jubel der Bewohner der umliegenden Ortschaften zuteil wurde, die sich in ihren Sonntagskleidern an der alten Teplitzer Poststraße versammelt hatten.