Renate von Babka und Marco Schröder (2009):
Peterswald – Ein Dorf in Nordböhmen
Peterswald liegt am östlichen Ende des Erzgebirges in unmittelbarer Nähe zur sächsischen Grenze in einer Höhe von 551 m (Basis der Kirche) und erstreckt sich zu beiden Seiten an der von Teplitz nach Pirna führenden Straße in einer Länge von 5 km. Die Straße fällt von 679 m (Nollendorf) auf 661 m (Jungferndorf) und schließlich auf 433 m (Grenze). Das Dorf wird vom Peterswalder Dorfbach durchflossen, der bei Jungferndorf entspringt und sich mit der Gottleuba vereinigt. Erwähnenswert ist, dass sich das geografische Gefälle des Ortes auch dahingehend bemerkbar macht, dass im Oberdorf auf Grund eines raueren Klimas Obstbäume kaum wachsen, während sie im Unterdorf prächtig gedeihen.
Die Hauptbeschäftigung der Bewohner war über Jahrhunderte hinweg neben der Landwirtschaft und dem Handwerk vor allem die Industrie (Klein- und Metallindustrie, Metallknopferzeugung). Das Verhältnis Ackerbau zur Industrie war etwa eins zu drei. Der Überlieferung nach wurde in früheren Jahrhunderten viel Samtweberei betrieben. Die besonders im 19. Jahrhundert bedeutsame Schnallenerzeugung geht in ihren Ursprüngen bis ins Jahr 1720 zurück.
Peterswald war ein echtes Waldhufendorf aus dem 13. Jahrhundert. Den Namen erhielt es von dem Anführer (Locator) eines ober- bzw. mainfränkischen Siedlungstrupps, der die gerodete Dorfmark in Hufen aufteilte. Die Lage des Ortes ist durch die uralte Salzstraße begünstigt, die zu alten Zeiten eine wichtige Einfallstraße nach Böhmen war. Die erste Nennung als Kirchdorf geschah im Jahre 1352. 1495 erhielt Peterswald ein gotisches Gotteshaus, das nach Ende des Dreißigjährigen Krieges 1656 neu hergestellt wurde. Die jetzige barocke Kirche stammt aus dem Jahr 1793.
Seit Einführung einer regelmäßigen Postverbindung zwischen Dresden und Prag im Jahre 1625 (zunächst Fußpost, 1652 Reitpost und 1752 fahrende Post) erlangte Peterswald als Grenzstation eine herausragende Bedeutung. Seit 1827 wurde eine zweimal wöchentlich verkehrende Eilpost eingeführt. Allein der Peterswalder Postmeister unterhielt 36 Pferde; es gab jedoch auch Frachtunternehmer, die 30 bis 40 Pferde besaßen.
Infolge seiner geografischen Lage an einer wichtigen Einfallstraße nach Böhmen war Peterswald häufig Zeuge und Schauplatz kriegerischer Ereignisse im Dreißigjährigen und Siebenjährigen Krieg. (Sachseneinfall 1631, Wallensteins Zug gegen Leipzig und sein Rückzug 1632, der zweite Schwedeneinfall 1639, die Preußeneinfälle 1741, 1744, 1756, 1757, 1778). In der mündlichen Überlieferung leben bis in die Gegenwart die Ereignisse der Schlacht bei Kulm und Arbesau im Jahre 1813 weiter. In Peterswald erinnert man sich noch heute daran, dass Napoleon vom 16. zum 17. September 1813 im alten Gemeindehaus Nr. 7 übernachtete. Knapp zwei Jahre darauf, am 7. Juni 1815, wurde der aus Wien ankommende und zuvor aus preußischer Gefangenschaft entlassene sächsische König Friedrich August I. in Peterswald von zahlreichen Honorationen seiner Regierung und seines Hofstaates empfangen und zur sächsischen Grenze geleitet. Im Deutsch-österreichischen Krieg 1866 sah Peterswald viele Gruppendurchmärsche, genau wie bei der Besetzung des Sudetenlandes 1938 und der Annexion der Resttschechoslowakei im Jahr darauf. Als die Olympischen Spiele 1936 in Berlin ausgerichtet wurden, war Peterswald bei einem massenhaften Besuch Zeuge der Feierlichkeiten, die mit der Übergabe des griechischen Feuers aus böhmischer in reichsdeutsche Hand verbunden waren.
Bauliche Besonderheiten sind bzw. waren einst – neben der schon erwähnten Kirche Sankt Nikolaus – die Volks- und Hauptschule (erbaut 1905), das alte Lehnrichtergut, das früher das weltliche Zentrum des Kolonistendorfes darstellte und auf Grund seiner vielfältigen Funktionen und Gerechtsame Rathaus oder Post genannt wurde, ferner der Kastanienhof im Unterdorf (Nr. 78), eine als Schafstall titulierte Ruine als Rest eines alten Meierhofgebäudes, das Schwedenkreuz auf der Rodung Drei Linden sowie das Bergloch im Mordgrund. Das Gefallenendenkmal stand bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein auf dem Rathausplatz an der Stelle des früheren Kriegerdenkmals. Hinter der Kirche befindet sich noch heute das Pestkreuz auf dem Massengrab der im Jahre 1813/14 an der Ruhr verstorbenen Einwohner. An bedeutsamen Kunstdenkmälern besitzt Peterswald eine 1788 vom Bauern Josef Beil gestiftete barocke Marienstatue vor dem Anwesen Nr. 15 und das vom gleichen Spender 1796 finanzierte und 2008 rekonstruierte Barockkreuz auf dem Friedhof, das an den Vorgängerbau der heutigen Kirche Sankt Nikolaus erinnern soll.
Einige statistische Angaben mögen das Wachstum des Ortes verdeutlichen: 1654 hatte Peterwald 91 Häuser, davon 63 bewohnte und 28 infolge des Dreißigjährigen Krieges unbewohnte bzw. wüste. Es gab damals im Dorf 60 Bauern, 19 Kleinbauern und 12 Häusler. 1787 wurden 287 Nummern gezählt. Der Ort war also inzwischen um 196 Häuser angewachsen. 1833 hatte Peterswald 375 Häuser und 2242 Einwohner, während die Stadt Aussig im selben Jahr nur 321 Häuser mit 1759 Einwohnern zählte. Da Peterswald im 1945 521 Häuser hatte, in denen etwa 2800 Menschen lebten, war der Zuwachs an Gebäuden auch im 19. und 20. Jahrhundert bedeutend, die Bevölkerung hat sich jedoch nur verhältnismäßig gering vermehrt.